Dienstag, 9. Juni 2026

Vannufossen

Ich bin schon beim Kaffee und zusammenpacken, als 2 Angler eintreffen. Es dauert eine Weile, bis die gesamte Ausrüstung im Boot verstaut ist, dann schleichen sie sich mit einem elektrischen Außenbordmotor auf den See hinaus. Unser Aufbruch dauert lange, je älter man wird,  umso mehr muss man sich um seine Wehwehchen kümmern.
Der Wetterbericht kündigt Sonne und Bewölkung an, d.h. zur Vorsicht mit Regenjacke, aber die Hose darf im Gepäck bleiben. Bis morgen - da wird wieder Regen erwaertet. Ich würde das tatsächliche Wetter mit "hoher Luftfeuchtigkeit" bezeichnen, gelegentlich erwischt uns ein Regentröpfchen. 20 plus/minus 2 Grad sind heute angenehme Reisetemperaturen.

Mein Navi braucht einen Namen - wie wär's mit "Kurt"? Kurt findet heute bereits zum Einstieg ein kurzes Schottersträßchen, das uns an einem Übergang zwischen unserem und dem nächsten moorbraunen See über eine kleine Brücke führt. Bald schon geht's auf einem ziemlich holprigen, schmalen und unbefahrenen Asphaltsträßchen weiter. Lisl Vorderrad beginnt nun immer häufiger und stärker zu flattern, ihre Hufe sind ja auch schon ganz schön abgenutzt. Ob sie es wohl bis Aschbuch aushalten?
Zwischen hohen, aber rundlichen Bergen tingeln wir durch liebliche, grüne Täler und Auen. Es duftet nach frischem Gras und Blüten, glücklichen Kühen und Pferden oder manchmal auch nach Meer und Tang.
Kurt findet Wege nach genau unserem Geschmack: wenn es keine Schotterstraßen gibt, leitet er uns über abgelegene oder mittlere Nebenstraßen mit kaum Verkehr. Auch ein paar Fähren sind heute wieder abei, aber diesmal fährt sie uns jedesmal genau vor der Nase weg oder läßt uns nicht mehr einfahren. Na ja, die Wartezeiten bewegen sich zwischen 20 und 30 min, das können wir verkraften.

Den Vannufossen erreichen wir um die Mittagszeit. Es ist Europas höchster Wasserfall und der erste auf meiner Bucketliste an Wasserfällen. Nepalesen haben eine Treppe durch den Wald gebaut, der mehrere Aussichtspunkte auf den Wasserfall enthält. Angeblich braucht man 30 min bis zur obersten Plattform - nach dieser Zeit bin ich - total erschöpft - eben erst am untersten Punkt "Tappan" angekommen. In Motorradstiefeln und langer Unterhose bei sengender Hitze ist das nichts mehr für eine alte Frau! Mein Walkingstock, den ich zur Sicherheit dabei habe, hat seine Spitze verloren. Der Blick von hier aus ist auch schon imposant, beschließe ich und kehre um.

Im nahegelegenen Sundalsøra machen wir Mittagspause. Ich besuche extra den "Extra", weil ich dort meistens gutes Essen gefunden habe. Dieser hier ist jedoch leider extra schlecht bestückt, selbst der Pfandflaschenautomat ist außer Betrieb und die Toilette stockdunkel. Dafür gibt es am Eingang Wassermelone zum probieren - dort bediene ich mich umso mehr.
Auf einem geraden, langen und gut einsehbaren Stück möchten wir gerne einen Bus überholen, der uns schon einige Zeit mit Straßenstaub und Steichen berieselt hat. Als die Lisl beschleunigt und ausschert, blinkt er links und droht uns mit der Faust! Warum??? Keine Ahnung. Na ja, bei der nächsten Gelegentheit ist er dann trotzdem dran.

Weiter geht's - wieder auf netten kleinen Wegen, die Kurt für uns findet, bis nach Andalsnes. Hier beginnt bald der Trollstigen, eine der berühmtesten Serpentinenstraßen Norwegens. Das ist der Plan für morgen. Jetzt muß ich noch ein Zeltplätzchen finden und da ich Campingplätze möglichst meide, müssen wir schnell Ausschau halten. Weiter oben gibt es keine Campingmöglichkeit mehr. Ein kleines Schild weist auf auf ein paar Bauernhöfe hin. In der Ferne entdecken wir einen Feldweg, auf dem uns  gerade ein Traktor entgegenkommt. Um dorthin zu gelangen, müssen wir mitten durch ein Gehöft fahren, da aber nirgends ein Hinweis auf einen Privatweg zu sehen ist, fahren wir mutig weiter. Der Weg ist sehr sandig und tiefgründig, also Vorsicht! Die Einfahrt zu einer ungemähten Wiese lädt ein. Der Bauerr fährt alle paar Minuten mit dem Güllefass hier vorbei und schaut bitterböse, sagt aber nichts. Also baue ich entsprechend dem Jedermannsrecht mein Zelt auf. Kurz darauf kommt ein jüngerer Mann und schaut nach dem Rechten: was ich hier mache? Ah, nur einmal übernachen?`Nicht IN der Wiese, nur in der Einfahrt. Kein offenes Feuer und kein Abfall - natürlich! Und hoffentlich kommen nicht noch weiter 20 Kumpels zum Zelten. Aber nein! Na gut, dann darf ich bleiben und der Neffe des Güllbauern ist zufrieden.

Schwarze Wolken sammeln sich, Wind kommt auf, der Wetterbericht kündigt in einer Stunde Regen an. Das scheint auch den Bauern Druck zu machen - Maschinen und Traktoren laufen auf Hochtouren.


Und hier die Strecke: